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K. Blumenthal- Barby, Ibrahim Özkan
Sterbeaufklärung im internationalen Vergleich Die Sterbeaufklärung (engl. death education) der Neuzeit begann um 1955 in Nord- Amerika (Kastenbaum, 1989). Bedingt durch die Industrialisierung, Urbanisierung und das damit verbundene Verlagern des Sterbens in Institutionen (Abb. 1) waren den Menschen die Begegnung mit dem Tod fremd geworden. Schrecken und Mystik entstanden dort, wo tätige Hilfe und Beistand erforderlich gewesen wären.
Selbst in den sogenannten helfenden Berufen (Schwestern, Ärzte, Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter und Theologen) erwies sich eine theoretische Aus- und Weiterbildung zu Sterben, Tod und Trauer als erforderlich. So wurden in den USA an den entsprechenden Bildungseinrichtungen Lehrstühle für "death education" errichtet. Kastenbaum berichtet, daß bereits 1975 überall in den USA dieses Angebot unterbreitet wurde. Darüber hinaus erfolgten sogar an Grundschulen derartige Offerten. In Europa übersetzte man death education wörtlich mit "Sterbeerziehung" (Blumenthal- Barby, 1980). Dieser Begriff wurde nicht akzeptiert. Man kritisierte in Fach- und Laienkreisen, daß es bereits eine Körper-, Sexual-, Sprach- und Verkehrserziehung gäbe und eine Sterbeerziehung nur schwer vorstellbar sei. So wurde statt dessen der Begriff der "Sterbeaufklärung" gewählt, welcher angenommen wurde. Im "Lexikon der letzten Dinge" fand der Begriff 1993 ebenso Aufnahme, wie im "Pschyrembel" und im "Wörterbuch der Medizin". Anliegen ist es, Sterben und Tod soweit wie möglich von Schrecken und Mystik zu befreien. Nach Möglichkeit sollen alle diesbezüglich Geforderten -und wer ist das nicht- befähigt werden, Sterbenden, Betreuenden und Hinterbliebenen Beistand zu leisten. Darüber hinaus ist es angebracht, daß jeder Gelegenheit erhält, sich seines eigenen Todes bewußt zu werden und somit auch bewußter zu leben. Blumenthal- Barby publizierte 1991 einen Leitfaden zur Eigenanalyse "Wie bin ich auf mein Sterben vorbereitet?", der von Lesern und vielen unseren Studenten beantwortet und ausgewertet wurde. Ausgewählte Ergebnisse siehe Abb. 2 - 4. In der 1973 in Nordamerika gegründeten "International Work Group for Death, Dying and Bereavement" (IWG) beschäftigt man sich ebenfalls mit diesem Thema. Die Sterbeaufklärung
ist das allgemeine Hauptanliegen solcher Tagungen. Übereinstimmend
wurde sie in allen Gesprächen als die wichtigste Voraussetzung
für ein Sterben in Würde angesehen. Schwierigkeiten gibt es
in den Schulen. Die Lehrer sind international - wie auch bei uns in
Deutschland - kaum auf diese Aufgabe vorbereitet, die Eltern stehen
entsprechenden Aktivitäten eher ablehnend gegenüber. Empfohlen wurde
eine im Januar 1991 neu gegründete, zweimonatlich erscheinende
interdisziplinäre und praxisorientierte Zeitschrift: "ILLNESS,
CRISES & LOSS". In Deutschland stehen wir noch am Anfang der Sterbeaufklärung. Im Jahr 1993 erteilte erstmals der Präsident der Georg-August-Universität einen Lehrauftrag zu diesem Arbeitsgebiet. Auch in den anderen Ländern Kontinentaleuropas ist die Lage ähnlich. Neben der akademischen bzw. schulischen Vermittlung des Lehrstoffes ist eine emotionale Annäherung für äußerst wichtig. Früher war die Konfrontation mit Sterben, Tod und Trauer durch die tägliche Begegnung in Familie und Nachbarschaft gegeben. Auch Märchen trugen hierzu entscheidend bei. Unseren Kindern, die auch dem Lebensende anfangs unbefangen gegenübertreten, ist diese Form der Auseinandersetzung nicht mehr gegeben. Eine Expertengruppe des Berliner Senats informiert in ihren Elternbriefen über das Thema Tod im Alter der Kinder von zwei Jahren und acht Monaten. Wir müssen es wieder lernen, den Tod als zum Leben gehörig zu sehen, das Werden und Vergehen in der Natur aufmerksam zu verfolgen und zu verinnerlichen. Seume hat nur zu recht, wenn er sagt: "Wer den Tod fürchtet, hat das Leben verloren". Die Aufstellung in Abbildung 5 ist mit Sicherheit unvollständig. So ist es ganz gewiß, daß wesentlich mehr Ausstellungen sowohl in Deutschland als auch in Europa zu Sterben, Tod und Trauer stattgefunden haben als hier aufgeführt werden konnten. Besonders zu der Ausstellung "langsamer Abschied, Tod und Jenseits im Kulturvergleich" ist zu berichten, die von Dezember 1989 bis März 1991 im Museum für Völkerkunde in Frankfurt am Main gezeigt wurde. Die Ausstellung war gelungen. Die Akzeptanz durch das Publikum völlig unerwartet. Erstmals war es in diesem Hause erforderlich, die Türen während der Besuchszeit wegen Überfüllung zu schließen. Der Erfolg ist auf die gründliche Vorbereitung und gelungene Gestaltung zurückzuführen. So gab es z.B. neben dem Katalog einen speziellen Ausstellungsführer für Kinder. Stimmungen und Meinungen der Besucher konnten auf einer Kritiktafel mitgeteilt werden. So war die Museumsleitung ständig in der Lage, zu reagieren. Nicht nur der Andrang war unerwartet. Auch die Fülle von Themen und Problemen, mit denen die Führer - völlig unvorbereitet - konfrontiert wurden, erforderte Maßnahmen. All dies wurde unter dem Titel "Zwischen Furcht und Faszination" herausgegeben. In der Einleitung schreibt der Direktor J.E. Thiel: "In den Gesprächen gewann ich den Eindruck, daß man zu Hause in der Familie über den Tod eines Verwandten oder Nachbarn kaum sprach. Man war mehr mit den Problemen des Alltags wie Krankenhaus, Bestattung, Erbschaft usw. beschäftigt als mit Trauer, Trost, Leben jenseits des Grabes usw." Weiter stellt er fest, "daß sich die meisten Intellektuellen nicht mehr als Grundschüler mit diesem Thema auseinandersetzen". Eine Auffassung, der man widersprechen kann. Oft wurde in Schulklassen und mit Schülern aller Altersstufen bewegende Fragen zum Lebensende besprochen. Selten fand man interessiertere Gesprächspartner. Bei der Frankfurter Ausstellung war jeder achte Besucher ein Kind! Die Hälfte von ihnen kam nicht in Gruppen!!! Gerda Kroeber-Wolf oblag es, die Besucherkommentare auf der Kritiktafel darzustellen. Fast drei Prozent der Besucher äußerten sich hier, das sind über 2.000 Meinungen und Kommentare. Jede dritte Äußerung enthielt Lob, Dank und Anerkennung. Wichtig war der Wunsch, öfter Gelegenheit zu Kulturvergleichen geboten zu bekommen. Eine Anregung, die mit zur Konzeption unserer Studie, Sterben in Europa, beitrug. Eine Schülerin schrieb zu der Ausstellung: "Dieses ist die erste Ausstellung, in die ich meine Eltern und nicht meine Eitern mich gezerrt haben." Natürlich gab es auch Ablehnungen. Nicht selten konnte man z.B. lesen: "dumm", "oberflächlich", "Scheiße". Leider fehlten Begründungen. Wie gut muß die Schule sein, wenn ein Schüler schrieb: Schule ist besser. Ein Höhepunkt der 217 Ablehnungen war: "Langsamer Abschied Tod der Ethnologie"! Ein Besucher faßte
seine Meinung wie folgt zusammen: "Eine wunderbare Gelegenheit, sich
mit dem Tod anzufreunden." Bewußt wurden die Reaktionen so ausführlich
dargestellt, weil es wohl keinen besseren Indikator für die Akzeptanz
von Sterbeaufklärung gibt. Eine ähnliche
Feststellung traf H. E. Schuster im "Deutschen Ärzteblatt" vom
30. August 1993. Er berichtet vom 6. Weltkongreß für Intensivmedizin.
Soweit zur aktiven Teilnahme an Weltkongressen der Intensivmedizin. Die oben ausgewiesene und völlig ungenügende Teilnahme von Ländern Kontinentaleuropas an Weltkongressen zu Sterben, Tod und Trauer unterstreicht die Bedeutung einer Intensivierung der Sterbeaufklärung auf diesem Gebiet. Abschließend seien zwei weitere Indikatoren für die Stellung zu einem Sterben in Würde in Kontinentaleuropa genannt. Der Einsatz von Betäubungsmitteln (Abb. 7) und der Stand der Hospizbewegung (Abb. 8). Wir sehen zum einen große Unterschiede im internationalen Vergleich. Zum anderen wird die Notwendigkeit einer Veränderung in Deutschland offensichtlich.
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